Im wichtigen japanischen Heimatmarkt ist es Sony, Olympus und Panasonic gelungen, Canon und Nikon größere Marktanteile abzujagen. Den Kamerasystemen Nex und Micro Four Thirds (MFT) setzt Canon nun eine Digicam mit DSLR-Technik und fix eingebautem Zoom entgegen: Die PowerShot G1 X. Ein Kurztest von ORF.at zeigt, wie sich Canons neue Top-Kompakte im Vergleich mit den Systemkameras schlägt.
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Die PowerShot G1 X löst die G12 an der Spitze der Canon-Kompaktkameras ab. Die beiden Kameras sind einander in Design, Menüoptionen und Abmessungen recht ähnlich. Der wichtigste Unterschied besteht darin, dass die Fläche des Bildsensors der G1 X (18,7 x 14,0 mm) sechsmal so groß ist wie jenes der G12 (7,5 x 5,7 mm).
Zum Vergleich: Der Sensor einer APS-C-DSLR von Canon misst 22,2 x 14,8 mm. Ein größerer Sensor bedingt natürlich auch den Einbau eines größeren Objektivs. Das macht die G1 X mit 534 Gramm merklich schwerer und voluminöser als ihre Vorgängerin (401 Gramm). Dabei deckt das Zoom der G12 mit umgerechnet 28-140 mm auch noch einen größeren Bereich ab als das der G1 X (28-112).
Als Faustregel gilt aber: Je größer der Sensor (und die darauf liegenden einzelnen “Pixel”), desto höher die Bildqualität bei höheren Empfindlichkeiten. Auch das Freistellen von Objekten bei offener Blende bei elegant verschwommenem Bildhintergrund gelingt mit einem großen Sensor besser als mit einem kleinen. Um mit den anfallenden Datenmengen aus dem 14,3-Megapixel-Sensor zügig umgehen zu können, verfügt die G1 X über Canons aktuellsten Bildverarbeitungsprozessor vom Typ DIGIC5.
Gehäuse und Ergonomie
Von außen wirkt die G1 X eher unprätentiös, als Schönheit kann sie nicht gelten. Dafür ist das in Japan gefertigte Gehäuse sehr gut verarbeitet, es besteht überwiegend aus Metall, alle Bedienelemente haben einen angenehm deutlichen Druckpunkt oder rasten satt ein. Der eingebaute LCD-Monitor löst mit 920.000 Bildpunkten hoch auf. Er lässt sich seitlich ausschwenken und drehen und ist hell genug, um auch in der Mittagssonne noch zur Motivwahl dienen zu können.
Das ist deswegen wichtig, weil der eingebaute optische Sucher zwar mitzoomt und über eine Dioptrienkorrektur verfügt, aber ansonsten nur im Notfall zu gebrauchen ist – es handelt sich dabei um ein winziges Fensterchen ohne Einblendung von Belichtungsparametern, das einzige Feedback geben eine grüne und eine rote LED neben dem Sucher, die anzeigen, ob der AF ein Ziel gefunden hat oder nicht – welches, das bleibt bei ausgeschaltetem Hauptbildschirm unklar.
Zeigefinger- sowie Daumenrad, die im Hauptmenü der Kamera sogar abhängig vom gewählten Belichtungsmodus mit verschiedenen Funktionen belegt werden können, sind gut platziert und sicher bedienbar. Die Kamera liegt gut in der Hand. Eine große Chance haben Canons Industriedesigner allerdings vergeben: Was auf den ersten Blick wie ein griffiges zusätzliches Einstellrad rund um das Objektiv nach dem Vorbild der PowerShot S95 aussieht, ist in Wirklichkeit nur ein abnehmbarer Schutz für das Bajonett, an dem Zubehör wie etwa der Filteradapter FA-DC58C am Gehäuse befestigt werden können.
Motorisiertes Zoom
Die Brennweite des Objektivs lässt sich nur motorisch über einen Zoomring am Auslöser verstellen. Das bedeutet auch, dass die Kamera beim Ein- und Ausschalten jeweils ein bis zwei Sekunden braucht, um die Optik in Weitwinkel-Ausgangsstellung zu bringen oder sie einzufahren. Anders als die G12 hat die G1 X keinen eingebauten Objektivschutz, vor dem Gebrauch muss der Fotograf erst den Deckel abnehmen. Alle häufig verwendeten Optionen wie Empfindlichkeitseinstellung, AF- oder Belichtungsmessmodus sind mit einem Knopfdruck erreichbar.
Gut: Die Belichtungskorrektur ist über einen eigenen Ring unterhalb des Moduswahlrads schnell und sicher erreichbar, die Korrekturwerte lassen sich in 1/3 Blendenwerten von +3 bis -3 einstellen. Die Anschlüsse, Mini-HDMI, Kabelfernauslöser und proprietärer USB2 bzw. A/V-Ausgang stecken hinter einer soliden Plastikklappe. Billig wirkt an der G1 X allenfalls der etwas klein geratene Plastikschieber zum Ausfahren des eingebauten winzigen Blitzgeräts. Videofilmer werden die Möglichkeit zum Anschluss eines externen Mikrofons vermissen. Ein solches lässt sich auch über den Zubehörschuh nicht anstecken. Das Stativgewinde sitzt nicht mittig über der optischen Achse.
Der proprietäre Lithium-Ionen-Akku vom Typ NB-10L (7,4V, 920 mAh, 6,8 Wh) soll nach Angaben von Canon im Mischbetrieb mit Blitz gemäß CIPA-Standard für 250 Aufnahmen reichen. Im Test reichte der einmal aufgeladene Akku bei aktiviertem Bildstabilisator und ausschließlicher Motivsuche über den internen Monitor – aber ohne Blitz – für 290 Aufnahmen – und die Batterieanzeige wechselte immer noch zwischen zwei und drei von drei Segmenten. Ein Original-Ersatzakku kostet rund 55 Euro.
Software und Menüs
In den Menüs der G1 X finden sich nicht nur Nutzer anderer Canon-Kameras schnell zurecht. Die Funktionen sind klar gegliedert und beschrieben. Der Benutzer kann auch zwei User-Voreinstellungen definieren und abspeichern, die sich über das Moduswahlrad schnell aufrufen lassen. Die oberste Grenze der Empfindlichkeitsautomatik lässt sich von ISO 400 bis 1600 in Drittelblendenschritten einstellen. Auch die Geschwindigkeit, in der sich die Automatik der Umgebung anpasst, lässt sich in drei Stufen regeln.
Die Anzeige auf dem Hauptbildschirm lässt sich vom Nutzer in drei Stufen nach seinen Wünschen gestalten, so kann er praktische Elemente wie das Echtzeithistogramm oder die elektronische Wasserwaage gezielt ein- und ausblenden. An Features einer guten Mittelklasse-DSLR fehlen der Kamera die Möglichkeit zur Auswahl der Auslöser- statt AF-Priorität, die optische Warnanzeige für ausgefressene Lichter und zugelaufene Tiefen – und leider auch der schnelle manuelle Eingriff in die Programmautomatik (Program Shift).
Ab Werk hat die G1 X die sogenannte AF-Feld-Lupe aktiviert. Findet der Autofocus im ausgewählten Bildmotiv einen Halt, vergrößert die Kamera sofort diesen Bereich, damit der Nutzer prüfen kann, ob die Schärfe dort sitzt, wo er sie haben will. Diese Möglichkeit ist zwar praktisch, aber sie kann auch verwirren und stören. Im Hauptmenü lässt sich die Lupenfunktion daher abschalten.
Beispielbild
Canon G1 X bei umgerechnet 28mm Brennweite, JPEG Fine, f5,6, 1/50 sek, ISO 800
Das fest eingebaute Zoomobjektiv der G1 X hat in der Ausgangsstellung von umgerechnet 28 mm eine akzeptable Lichtstärke von 1:2,8, am langen Ende, bei 112 mm, wird es mit 1:5,8 schon arg dunkel. Das ist wohl der härteste Kompromiss, den Canons Ingenieure angesichts der kompakten Bauform eingehen mussten.
Gute Optik
Das Objektiv ist gut auf den Sensor abgestimmt. Einzige kleine Schwachstelle: Im Weitwinkelbereich verzeichnet es leicht kissenförmig (siehe Beispielbild). Wer aber hauptsächlich andere Motive als Ziegelwände fotografiert, wird damit leben können. Um die Naheinstellgrenze von 20 cm bei umgerechnet 28 mm Brennweite auszunutzen, muss der Nutzer erst in den Makro-Modus umschalten – wie bei einfacheren Kompaktkameras auch.
Beispielbild
Canon G1 X bei umgerechnet 28mm Brennweite, JPEG Fine, f2,8, 1/20 sek, ISO 1600
Der optische Bildstabilisator im Objektiv ist sehr gut und seine Wirkung läßt sich auf dem Bildschirm in Echtzeit nachvollziehen. Im Test war es kein Problem, bei 28mm, Blende 1:3,5 und ISO 1600 bei Straßenbeleuchtung und einer Verschlußzeit von 1/20 sek. ein scharfes Bild ohne Bewegungsunschärfe herzustellen. Der Bildstabilisator lässt sich entweder kontinuierlich oder nur bei Aufnahme betreiben, der Fotograf kann ihn auch abschalten.
Ab Werk geht die Bildverarbeitung der G1 X eher zurückhaltend mit Farben und Kontrasten um. Zuweilen wirken die JPEGs frisch aus dem Gerät etwas flach und flau, allerdings bieten die von der G1 X produzierten Dateien eine robuste Grundlage für eventuell notwendige Nachbearbeitungen. Generell tendiert die G1 X im Automatikbetrieb bei kontrastreichen Motiven zur Überbelichtung. Dies lässt sich aber leicht mit dem sehr günstig platzierten Wahlrad für die Belichtungskorrektur kompensieren.
Nachdem das eingebaute Objektiv nicht besonders lichtstark ist, wählt die ISO-Automatik auch bei guten Lichtverhältnissen schnell höhere Werte an, um Bewegungsunschärfe zu vermeiden. Die von der Kamera gewählte Empfindlichkeitsstufe wird nach AF-Festlegung/Belichtungsmessung auf dem Display angezeigt. Wer bei Tageslicht nicht mit ISO 800 fotografieren will, kann im Menü die Obergrenze der Automatik auf ISO 400 festlegen.
Bei höheren ISO-Werten sinkt leider auch der Kontrastumfang. Bei der G1 X macht sich das erst bei Empfindlichkeitsstufen über ISO 1600 bemerkbar. Bis zu diesem Wert liefert die Canon schon ab Werk im JPEG-Fine-Modus bei “Standard”-Rauschunterdrückung exzellente detailreiche Bilder mit großem Kontrastumfang, die auf dem Niveau gängiger APS-C-DSLRs und digitaler Systemkameras liegen.
Im Einsatz
Die G1 X ist – im Verhältnis zu der gebotenen Bildqualität – sehr kompakt, sie passt noch in eine größere Manteltasche. Am stärksten kann sie ihre Vorteile als diskreter Begleiter beim Flanieren durch die Stadt ausspielen. Eine Verzögerung zwischen dem Druck des Auslösers und der eigentlichen Aufnahme, wie bei älteren Digicams üblich, gibt es bei der neuen Canon nicht. Im Serienbildmodus schafft die G1 X ohne Nachfokussieren laut offiziellen Angaben 1,7 Bilder pro Sekunde. Nach dem Wegspeichern eines Einzelbilds oder einer Bilderserie aus dem Pufferspeicher ist die G1 X für einen Sekundenbruchteil blockiert.
Beispielbilder
ISO 800, f2,8, 1/8 sek.
ISO 1600, f2,8, 1/15 sek.
ISO 12800, f2,8, 1/100 sek.
Ein weiterer großer Vorteil der G1 X ist der sehr leise Verschluss, den man nur in stiller Umgebung wahrnehmen kann. Hier ist die Canon der Konkurrenz aus dem Nex- und MFT-Lager überlegen, beide sind deutlich lauter. Aus der aktuellen Kamerageneration bieten bei vergleichbarer Abbildungsleistung nur die beiden Gehäuse des Nikon-1-Systems (V1 und J1) einen derart leisen Betrieb.
Nur in einem Bereich fällt die G1 X hinter der direkten Konkurrenz (MFT, Sony Nex, Nikon 1) zurück: Der Autofokus ist langsamer und in sehr schlechten Lichtverhältnissen nicht so treffsicher. Wenn man aber nicht Street Photography betreibt oder actionreiche Sportarten fotografiert, reicht die Leistung des des Geräts aus.
Beim Fotografieren von Veranstaltungen wie beispielsweise Vorträgen in ausreichend beleuchteten geschlossenen Räumen ist der leise Verschluss sehr hilfreich. Der automatische Weißabgleich der G1 X, auch bei teureren Geräten ein heikles Thema, funktioniert auch bei Mischlicht überraschend gut.
Fazit
Trotz des großen Sensors und der beeindruckenden Abbildungsleistung ist die G1 X im Umgang ihren Digicam-Vorgängern der PowerShot-G-Reihe näher als den DSLRs und Systemkameras. Dafür sorgen vor allem das motorisierte Zoom und der bei schlechtem Licht etwas unsichere Autofocus.
Die größte kleine Canon eignet sich vor allem für Fotografen, denen die Abbildungsleistung ihrer Kompaktkamera nicht ausreicht, sich aber nicht mit Wechselobjektivsystemen auseinandersetzen wollen. Auch anspruchsvolle Amateure, die zusätzlich zur DSLR eine kleinere Kamera in den Urlaub mitnehmen, aber dabei nicht auf das gewohnte Qualitätsniveau verzichten wollen, und einen leisen Verschluss zu schätzen wissen, sollten sich die G1 X näher ansehen.
Mit einer unverbindlichen Preisempfehlung von 749 Euro ist die Canon G1 X zum Start in einem dicht besetzten Markt nicht billig. Auch wenn der Preis im Handel sinken wird, muss er sich aufgrund der aufwändigeren Technik über dem des kleineren Modells G12 (zwischen 420 und 500 Euro) einpendeln. Eine moderne, schnelle und flexibel einsetzbare Canon-DSLR vom Typ EOS 600D ist mit Standardzoom im Handel derzeit schon zu Preisen zwischen 610 und 650 Euro zu haben, in derselben Region bewegen sich auch Sonys Systemkamera Nex-5n und die J1 von Nikon. Günstiger ist die Olympus Pen Mini, die, je nach Anbieter, mit Standardoptik zwischen 400 und 450 Euro kostet.
Mit ihren Eigenschaften, der Kombination aus fest eingebauter Optik, großem Sensor und leisem Verschluss, nimmt die Canon G1 X auf dem Markt eine Sonderstellung ein. Ob diesem Gesamtpaket oder dem Baukastenmodell der Konkurrenz der Vorzug zu geben ist, hängt letztlich vom angepeilten Einsatzbereich ab.
Günter Hack, ORF.at
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Erstellt am 24.01.2012.
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